der Flughafen Frankfurt ist die größte Luftverkehrsdrehscheibe auf dem europäischen Kontinent. Hier werden jährlich 460.000 Flugbewegungen verzeichnet und 1,6 Mio. Tonnen Luftfracht umgeschlagen. Gut 62.000 Beschäftigte sorgen für einen reibungslosen Ablauf und dafür, dass rund 50 Mio. Passagiere pro Jahr abgefertigt werden können.
Menschen aus allen Winkeln der Erde landen in Frankfurt: Sie kommen als Touristen, sind neugierig auf ein weltoffenes Land mitten in Europa, wollen Kontakte knüpfen und Eindrücke sammeln. Andere kommen als Kaufleute, Dienstleister oder Arbeitnehmer. Sie wollen in Deutschland Geschäfte machen, Abschlüsse tätigen oder einen Neuanfang wagen und hoffen bei uns auf eine faire Chance.
Über Chancen zu sprechen, dafür ist der Flughafen ein gut gewählter Ort: Faire Chancen für junge Menschen mit Behinderungen, die in einer weltoffenen und toleranten Gesellschaft, wie alle anderen auch, auf einen guten Start ins Leben hoffen.
Wir - die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft - können den jungen Menschen zwar das Fliegen nicht abnehmen. Wir können aber die Startbahn bauen, damit sie ihren Traum von selbstbestimmter eigenverantwortlicher Teilhabe verwirklichen können….. Damit sie erfolgreich abheben können ins Berufsleben.
In den Wörtern Berufsleben und Arbeitsleben steckt das Wort "Leben". Denn Arbeit ist mehr als reiner Broterwerb. Einen Beruf ausüben zu können
heißt, etwas gelernt zu haben, ein Produkt herzustellen, ein Ergebnis zu erzielen
heißt, Kontakte zu haben, gefordert zu werden, Anerkennung zu erfahren.
Heißt, gleichberechtigt an der Gesellschaft teilzuhaben und ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Heißt kurzum, mit an Bord zu sein.
Gerade junge Menschen brennen darauf, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sie sind hoch motiviert, wenn sie nur die Chance erhalten, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Das gilt für nichtbehinderte Menschen in gleichem Maße wie für behinderte Menschen.
Prägnant beschrieben wird dies in dem Bestseller "Die Entdeckung der Langsamkeit" von Sten Nadolny. Gestatten Sie jemanden wie mir, der seine Heimat im Land zwischen den Meeren hat, den Exkurs vom Hafen der Lüfte zur Küste.
Mit diesem Entwicklungsroman erstellte Nadolny eine Biographie des englischen Seefahrers und Nordpolarforschers John Franklin. Bereits von Kindheit an träumte John Franklin davon, zur See zu fahren. Eigentlich war er jedoch denkbar ungeeignet. Langsam im Sprechen und Denken, langsam in den Reaktionen, misst er die Zeit in eigenen Maßstäben. Anfangs erkennt nur sein Lehrer, dass Johns eigenartige Behinderung auch Vorzüge hat. Was er einmal erfasst hat, das behält er, das Einzigartige, das Detail begreift er besser als andere. Und gerade diese Kompetenz verhilft ihm im Laufe seines Lebens zu Karriereschritten, die über das Kommando von Schiffen, der Leitung von Expeditionen bis hin zur späteren Aufgabe eines Gouverneurs führten.
Das Erkennen von Fähigkeiten, die Gewährung von Chancen, das sind wichtige Voraussetzungen für die Integration von jungen Menschen in die Arbeitswelt.
Es braucht aber weit mehr als gesetzlicher Regelungen, damit behinderte Menschen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt durchstarten können.
Flugzeuge brauchen freie Lufträume. "Ideen brauchen nicht nur Flügel, sondern auch ein Fahrgestell", so formulierte es der Schriftsteller Walter Schönert.
Alle Verantwortlichen in Politik, Gesellschaft und vor allem in den Unternehmen sind gefordert, jungen Menschen das Fahrgestell, die Basisqualifikation und die Werkzeuge für das Leben mitzugeben. Gerade auch den behinderten Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Kompetenzen unter Beweis zu stellen und zu verwirklichen. Man muss eben auch wollen!
Dieses Motto - "Wollen muss man" - kristallisierte sich beim Auftakt unserer Initiative "job – Jobs ohne Barrieren" am 14. September 2004 in Mainz heraus.
Dass man will, zeigt auch die heutige Veranstaltung. Ich danke dem Unternehmensforum, das heute hier in die Mainmetropole eingeladen hat, für das Engagement, mit dem es die Interessen behinderter Beschäftigter, Kundinnen und Kunden mit den Notwendigkeiten der Wirtschaft zu verknüpfen versucht. Die beteiligten Unternehmen setzen sich dafür ein, Ausbildungs- und Arbeitsplätze, Produkte und Dienstleistungen auch für behinderte und schwer behinderte Menschen flexibel zu gestalten. Das ist ein Beispiel dafür, dass es geht. Man muss nur wollen!
Ein großes Dankeschön auch an die Fraport AG für die Gastfreundschaft, für die Gelegenheit, heute hier mit unserer Initiative sozusagen auf dem Jungfernflug mit der ersten einer Reihe von Schwerpunktveranstaltungen zwischenzulanden.
Als Partner von "Jugend forscht" setzen Sie auf die Fähigkeiten junger Menschen und fördern ihre Chancen. Sie wissen, dass sich Investitionen in Bildung und Ausbildung lohnen und in der Zukunft bezahlt machen.
Meine sehr verehrten Damen und Herren. Diese Überzeugung hat sich auch in der Behindertenpolitik durchgesetzt. Die Bundesregierung hat bereits in der letzten Legislaturperiode mit den Verbänden zu einem Paradigmenwechsel beigetragen: An die Stelle wohl meinender Fürsorge sind die Leitmotive Teilhabe, Gleichstellung und Selbstbestimmung getreten.
Das Sozialgesetzbuch IX, das Gleichstellungsgesetz und das Gesetz zur Förderung der Ausbildung und Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen sind Ausdruck dieser Politik.
Behinderte Menschen müssen die Werkzeuge in die Hand bekommen und spüren, dass man ihnen zutraut, sich im Unternehmen oder im Betrieb zu behaupten.
In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit haben es aber Menschen mit Behinderungen besonders schwer, einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeit zu finden: Von rund 2,1 Mio. Betrieben bilden nur noch 23 Prozent junge Menschen aus. Behinderte und schwerbehinderte Jugendliche sind von dieser Entwicklung überproportional stark betroffen.
Ein Blick auf die neuesten Ergebnisse der Bundesagentur für Arbeit (BA) zum Verbleib von Bewerbern und Bewerberinnen um Ausbildungsstellen für das Berufsberatungsjahr 2003/2004 lässt die Situation zunächst in einem günstigeren Licht erscheinen: Insgesamt waren fast 37.800 behinderte und schwerbehinderte Jugendliche für Ausbildungsstellen gemeldet. Lediglich 980, also nur 2,6 Prozent, waren Ende September 2004 noch nicht vermittelt.
Die Quote der so genannten Unversorgten ist somit nicht nur im Vergleich zum Vorjahr gesunken, sondern sogar deutlich geringer als bei Nichtbehinderten. Hier liegt sie bei fast 6 Prozent.
Positiv ist ebenso, dass bei den versorgten Bewerberinnen und Bewerbern fast drei Viertel auch tatsächlich eine Ausbildung beginnen konnten und nur rund ein Viertel an berufsvorbereitenden oder berufsfördernden Maßnahmen teilnimmt. Die Behauptung, dass behinderte Jugendliche weniger ausgebildet würden als nichtbehinderte, ist also so nicht richtig.
Was die Statistik leider nicht offenbart, ist aber die eigentliche Problematik: Bei vielen Stellen handelt es sich um so genannte außerbetriebliche Ausbildungen bei Trägern oder Einrichtungen, wie Berufsbildungswerken, also nicht um Ausbildungen in einem Unternehmen.
Das hat zur Folge, dass viele behinderte Jugendliche nach dem erfolgreichen Abschluss ihrer Ausbildung erhebliche Schwierigkeiten haben, einen Arbeitsplatz zu finden. Und das, obwohl die Ausbildung bei einem Träger oder in einer Einrichtung zur Teilhabe in der Regel auf dem gleichen, teilweise sogar auf einem höheren Niveau als in so manchem Betrieb stattfindet. Den Jugendlichen fehlt aber schlicht die Nähe zur betrieblichen Alltagswelt.
Zwar garantiert kaum ein Unternehmen seinen Auszubildenden eine spätere Übernahme. Aber wenn der Betrieb Leute an Bord nimmt, dann meist Nachwuchs aus der eigenen Crew. Hier gilt es anzuknüpfen.
Mit dem Gesetz zur Förderung der Ausbildung und Beschäftigung schwerbehinderter Menschen, das am 1. Mai 2004 in Kraft getreten ist, haben wir verbesserte Rahmenbedingungen geschaffen, um die Unternehmen zu motivieren, verstärkt behinderten und schwerbehinderten Jugendliche eine Chance zu geben.
Arbeitgeber, die ausbilden und bereits nach bisherigem Recht einen angemessenen Anteil der Lehrstellen mit schwer behinderten Jugendlichen zu besetzen haben, sind künftig dazu verpflichtet, mit dem Betriebs- oder Personalrat und der Schwerbehindertenvertretung über die Fragen der Besetzung von Ausbildungsplätzen mit schwerbehinderten jungen Menschen zu beraten.
Werden behinderte Jugendliche ausgebildet, können die Betriebe insbesondere Fördermittel der Agenturen für Arbeit und der Rehabilitationsträger erhalten. Zu den Kosten der Berufsausbildung schwerbehinderter Jugendlicher können außerdem von den Integrationsämtern Prämien oder Zuschüsse gezahlt werden.
Bilden Unternehmen mit weniger als 20 Arbeitsplätzen schwerbehinderte Jugendliche aus, können auch sie Zuschüsse erhalten. Integrationsvereinbarungen sollen verstärkt zur Förderung der Ausbildung behinderter und schwerbehinderter Jugendlicher genutzt werden.
Die Integrationsfachdienste, die über besondere Kompetenzen im psychosozialen und arbeitspädagogischen Bereich verfügen, sollen die BA bei der Berufsberatung und der Berufsorientierung in den Schulen unterstützen. Sie sollen schwerbehinderte Jugendliche bei der betrieblichen Berufsausbildung begleiten und bei Schwierigkeiten helfen.
Auch die Anrechnung auf Pflichtarbeitsplätze schafft Anreize für Betriebe, behinderte Menschen einzustellen: Ein schwerbehinderter Auszubildender wird grundsätzlich wie die Besetzung von zwei Pflichtarbeitsplätzen gewertet. Je nach Art oder Schwere der Behinderung sogar wie drei Pflichtarbeitsplätze. Sozusagen eine Art "miles and more"-Programm für verantwortungsvolle Unternehmen.
Wir brauchen auch eine stärkere Verzahnung der außerbetrieblichen Ausbildung mit der im Unternehmen. Behinderte Jugendliche, die in einem Berufsbildungswerk oder einer vergleichbaren Einrichtung lernen, sollen Abschnitte dieser Ausbildung in auch in Betrieben durchführen können. Verkürzt: "Flugsimulator und Alltagsbedingungen sollen enger zusammengebracht werden."
Dadurch lernen die Arbeitgeber die behinderten Jugendlichen und ihre Leistungsfähigkeit kennen. Das kann die Bereitschaft, die jungen Menschen nach der Ausbildung in ein Beschäftigungsverhältnis zu übernehmen und auf Dauer in das Unternehmen zu integrieren, erheblich fördern. Wir sprechen hier vom so genannten "Klebeeffekt".
Um die Situation behinderter und schwerbehinderter Menschen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zu verbessern, reichen rechtliche Regelungen allein aber nicht aus.
Deshalb haben wir mit "job – Jobs ohne Barrieren" die Initiative ins Leben gerufen, an der viele Organisationen und Institutionen beteiligt sind - Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter, Vertreter von Sozial- und Behindertenverbänden, Rehabilitationsträgern sowie Rehabilitations-
einrichtungen.
Ich will einen Punkt nennen, der mir besonders wichtig ist: Die Beteiligten der Initiative mögen zwar unterschiedlicher Meinung sein, was die zu wählende Routen angeht. Entscheidend ist aber, dass alle Beteiligten geschlossen die Ziele der "job"-Initiative ansteuern. Und zwar:
die Förderung der Ausbildung behinderter Jugendlicher,
die Verbesserung der Beschäftigungschancen behinderter Menschen und die
Stärkung der betrieblichen Prävention. Jeder der Beteiligten will diese Ziele im Rahmen seiner eigenen Möglichkeiten in die betriebliche Realität umsetzen.
Und es sind bereits viele positive Beispiele für die Förderung und Ausbildung behinderter Jugendlicher im Rahmen unserer Initiative auf das Rollfeld gebracht worden.
Im Modellversuch "Verzahnte Ausbildung Metro Berufsbildungswerke (V.A.M.B)" werden behinderte junge Menschen aus Berufsbildungswerken in Betrieben der Vertriebslinien der METRO Group ausgebildet. Ausbildungsbegleiter der Berufsbildungswerke unterstützen dabei die Jugendlichen und die Beschäftigten in den Betrieben.
Im Rahmen der verzahnten Ausbildung soll sowohl die Zahl der Azubis als auch die der beteiligten Betriebe und Berufsbildungswerke noch deutlich ausgeweitet werden.
Die Universität Hamburg begleitet dieses Modell wissenschaftlich. Im Vordergrund steht die Frage, für welche Jugendlichen die verzahnte Ausbildung geeignet ist und wie Rahmenbedingungen aussehen müssen.
Es geht darum, auch für weitere Unternehmen und Ausbildungsgänge aus dem technischen und kaufmännischen Bereich Perspektiven zu entwickeln, und damit Voraussetzungen für eine berufsnahe Integration behinderter Jugendlicher zu schaffen. Barrieren sollen abgebaut werden, die behinderten Jugendlichen bei ihrem Start ins Berufsleben häufig im Wege stehen. Ende April startet die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsfirmen das Projekt "500 Ausbildungsplätze für schwerbehinderte Jugendliche". Ziel ist es, im Durchschnitt in jeder Integrationsfirma einen zusätzlichen Ausbildungsplatz zu schaffen.
Ein weiteres Beispiel ist die "Evaluation von nachhaltigen Erfolgen wohnortnaher, betrieblicher Erstausbildung lernbehinderter Jugendlicher", an der sich die Bundesarbeits- gemeinschaft für Rehabilitation beteiligt.
Daneben gibt es ebenso Projekte der Arbeit-Schule-Integrations-
Gesellschaft, die bereits 2001 in Kooperation mit dem Berliner Senat das europaweit einzigartige Netzwerk Berliner Schülerfirmen ins Leben gerufen hat.
Das "DGB Bildungswerk Berlin Brandenburg Wilhelm Leuschner" beteiligt sich mit dem Projekt "Koordinierungsstelle für betriebliche Ausbildung behinderter Jugendlicher in Berlin und Brandenburg". Der Mineralölkonzern TOTAL Deutschland und das Annedore-Leber-
Berufsbildungswerk Berlin werden ihre bestehende Kooperation im Rahmen der Initiative in den kommenden Jahren deutlich ausbauen.
Bereits jetzt haben Unternehmen wie RWE und e.on ihr Interesse an "Jobs ohne Barrieren" bekundet.
Über weitere Beispiele vorbildlichen Engagements, wie das von Edeka Südwest, der Lintec AG, dem ZDF sowie der bksys Systemplanung werden wir heute noch Näheres erfahren.
Eines sollten wir uns alle immer wieder bewusst machen: Niemand ist vor Turbulenzen im Leben gefeit. Von den rund 6,7 Mio. behinderten Menschen in Deutschland sind weniger als 5 Prozent seit ihrer Geburt behindert. Behinderung kann daher jeden von uns oder unsere Familienangehörigen und Kinder treffen. Gegen Behinderung gibt es keinen 100%igen Schutz.
Was es aber geben kann, dass ist ein sicherer Platz an Bord einer Gemeinschaft, die Verantwortung zeigt. Eine Gesellschaft, die denen, die Hilfe brauchen, nicht die Hilfe gibt, die sie geben kann, die befindet sich im ethischen Sinkflug.
Ich freue mich daher, dass wir hier heute zusammengekommen sind, um das Höhenruder auf Steigflug zu stellen. Um jungen Menschen mit Behinderungen Auftrieb zu geben, ihnen eine Startbahn für ihren Flug in die Welt der Berufe und der Eigenverantwortung zu bauen.
Gerade hier vor Ort weiß man, dass der Bau von Startbahnen nicht immer frei von Widerstand und Auseinandersetzungen ist. Dass Überzeugungsarbeit, Beharrlichkeit, Mut und Durchhaltevermögen erforderlich sind. Und das man einfach wollen und es tun muss, entgegen häufig vorgebrachter Skepsis, gegen Widerstände, "Geht-nicht-Ausreden" oder "ist bei uns nicht möglich".
Manchmal am besten einfach so, wie es uns die Natur lehrt: Die Hummel wiegt 4,8 Gramm. Sie hat eine Flügelfläche von 1,45 cm2 bei einem Flächenwinkel von 6 Grad. Nach den Gesetzen der Aerodynamik kann die Hummel nicht fliegen. Aber die Hummel weiß das nicht!
Und so gibt es bereits genügend Beispiele dafür, dass es auch bei der Ausbildung von jungen Menschen mit Behinderungen doch geht. Die Unternehmen und Organisationen, die sich an der Initiative "job – Jobs ohne Barrieren" beteiligen, haben gute Erfahrungen gemacht.
Sie können diese Erfahrungen weitergeben, sie selbst nutzen und andere motivieren, Gleiches zutun. Damit möglichst viele junge Menschen die Fluglizenz in die Hand bekommen, um mit an Bord zu gehen, um Teil der Crew zu sein und in ein selbstbestimmtes Leben in Arbeit und Gesellschaft starten zu können.
Ich danke Ihnen für Ihr Kommen und Ihre Aufmerksamkeit.