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Grußwort anlässlich der Buchpräsentation „Besondere Beziehungen. Deutschland, Norwegen und Europa in der Ära Brandt (1966-1974)“, Berlin

Grußwort von Franz Thönnes, MdB und Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Arbeit und Soziales, anlässlich anlässlich der Buch- präsentation: „Besondere Beziehungen. Deutschland, Norwegen und Europa in der Ära Brandt (1966-1974)“ von Robin M. Allers, Berlin.

 

Sehr geehrter Herr Botschafter Svedman, sehr geehrter Herr Brenner, werter Herr Dr. Allers, sehr geehrte Damen und Herren, wenn die Bundeskanzler-Willy- Brandt-Stiftung und die Norwegisch-Deutsche Willy-Brandt-Stiftung den Namen des ehemaligen Bundeskanzlers ganz bewusst im Titel der Stiftung führen, so zeugt dies auch von „besonderen Beziehungen“ die eng mit dem heute vorzustellenden Buch und seinem Thema zusammenhängen. Beide Stiftungen engagieren sich im Geiste und zum Andenken an Willy Brandt. Wir als Norwegisch-Deutsche Willy-Brandt-Stiftung konzentrieren uns dabei auf die deutsch-norwegischen Verbindungen und dem bereits existierenden oder noch  entstehenden und zu fördernden Austausch zwischen beiden Ländern. Und wir freuen uns über den heutigen und noch weitere Schritte einer gemeinsamen Kooperation, auf der Basis guter Beziehungen.

 

Vielleicht ist es Zufall oder aber auch bewusst so gewählt, dass die Präsentation des Buches von Herrn Dr. Allers heute am 1. April stattfindet. Vielleicht wissen einige von Ihnen was der Name Paul Stoß und die Bezeichnung „TRA 10“ am heutigen Tag mit dem Namensgeber unserer Stiftungen zu tun haben. Nun, heute vor 76 Jahren wurde unter sehr negativen Einflüssen, damit wohl eine der entscheidenden Grundlagen für die Arbeit von Herrn Dr. Allers gelegt.

 

In der Nacht vom 1. auf den 2. April 1933 glückte dem 19-jährigen Schiffs- maklerlehrling Herbert Frahm, dem späteren Willy Brandt, mit Hilfe des Fischers Paul Stoß an Bord des Fischkutters „TRA 10“ die Flucht von Travemünde nach Rødbyhavn auf der dänischen Insel Lolland. Von dort ging es via Kopenhagen dann mit dem norwegischen Dampfschiff „Dronning Maud“ nach Norwegen. Sieben Jahre lebte und arbeitete Willy Brandt bis zum Juni 1940 in Norwegen. Jahre, die er später als seine „Lehr- und Wanderjahre“ bezeichnete. Die Eigenschaften, die in dieser Zeit nahezu zu einer vollständigen Integration von Willy Brandt in die norwegische Gesellschaft beitrugen, beschrieb sein Sohn Dr. Peter Brandt vor drei Jahren so: „Bei der Einpassung Willy Brandts in das norwegische Gemeinwesen, insbesondere in die norwegische Arbeiter- bewegung, während der 30er Jahre spielte neben seiner Jugend und seiner ungewöhnlichen Sprachbegabung, die ihn Norwegisch tatsächlich vollkommen akzentfrei sprechen ließ, m. E. eine Art Seelenverwandtschaft eine erheblich Rolle: die Seelenverwandtschaft des etwas eigenbrötlerischen und melan- cholischen, durchaus auch ein wenig sentimentalen Norddeutschen mit dem kleinen, freundlichen, aber eigensinnigen Volk zwischen Skagerak und Eismeer.

 

Das ist der eine, der vielleicht mehr persönliche Aspekt der genannt werden muss, wenn man die Rolle Willy Brandts in den „besonderen Beziehungen“ in all ihren Facetten betrachten will. Der andere ist aber auch die langjährige und vielfältige gemeinsame Geschichte, die Norwegen und Deutschland verbindet. Die Hansezeit und der 2. Weltkrieg sind nur zwei Stichworte, die an eine wechselvolle Geschichte erinnern. Heute im Europa des 21. Jahrhunderts sind wir auf einem gemeinsamen Weg mit guten vielversprechenden Perspekti­ven. Kennzeichen der norwegisch-deutschen Beziehungen war – und ist – die beispielhafte Fähigkeit, aufeinander zuzugehen und voneinan­der zu lernen.

 

Die Personifizierung dieser Fähigkeit ist Willy Brandt, die Persönlichkeit, die in beiden Ländern zu Hause war. Er steht für den bewussten Umgang mit der Vergangen­heit, für Versöhnung, für europäische Einigung. Seine in schwieriger Zeit nach vorne gerichteten Worte aus „Tross alt“ (1943) unterstrei­chen dies: „Ich habe im Laufe dieser Jahre zweimal mein Vaterland verloren. Ich arbeite dafür, zwei Vaterländer wiederzugewinnen – ein freies Norwegen und ein demokratisches Deutschland. Der Tag wird kommen, an dem der Hass, der im Krieg unvermeidlich scheint, überwunden wird. Einmal muss das Europa Wirklichkeit werden, in dem Europäer leben können.“ Und um diese Vision eben geht es denn auch heute, geht es auch maßgeblich bei den „Besonderen Beziehungen. Deutschland, Norwegen und Europa in der Ära Brandt (1966- 1974)“.“ auf die wir heute Abend unser Augenmerk richten.

 

Die Dissertation von Herrn Dr. Robin Allers ist der Ursprung zu diesem interessanten Buch. Er leistet damit einen wichtigen Beitrag zum Verständnis für die durch Willy Brandt ausgelösten Veränderungen in den Beziehungen zwischen Deutschland und seinem zweiten Heimatland Norwegen, aber auch des norwegischen und deutschen Verhältnisses zur EU und Europa. Gerade in Zeiten, in denen Menschen sich als Einzelne, aber auch als Gesamtgesellschaft enormen Herausforderungen gegenüber sehen, kann ein Blick zurück, die Analyse von Veränderungen und Entwicklungen dazu beitragen, neue Ansätze für die Bewältigung von Krisen zu finden und Strategien für die Zukunftsfähigkeit zu entwickeln.

 

Willy Brandt hat einmal gesagt: „Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum – besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll.“ Demokratische Staaten und Staatenverbünde wie die Europäische Union können zwar wirtschaftliche Prosperität befördern, aber sie führen nicht automatisch zu Gerechtigkeit. Es bedarf dazu der Existenz von Wert- vorstellungen für ein gerechtes soziales Zusammenleben und es bedarf Men- schen, die sich orientiert an diesen Werten, für deren Realisierung einsetzen. Egal ob es sich dabei um ehrenamtlich Engagierte, Menschen im Berufsleben oder Politiker handelt.

 

Eine Gesellschaft lebt nur dann wirklich als sozial-orientierte Gesellschaft, wenn es Menschen gibt, die nicht nur an sich, sondern auch an andere denken. Menschen, die sich engagieren. Menschen, die sich für andere einsetzen. In dem das Soziale etwas wie der „Kitt“ ist, der die Gesellschaft zusammenhält. Spätestens seit der Finanzkrise scheint deutlich geworden zu sein, dass eine Ausrichtung nur auf Rendite und Raffgier, dies nicht gewährleistet. Sondern kurzum, eine Gesellschaft in der der Mensch für den Menschen da ist. Wenn Menschen in ihrer Rolle als Politiker sich über das Normalmaß hinaus, beispielsweise auch aus persönlichen Gründen, für eine Sache einsetzen, birgt dies große Gestaltungschancen.

 

Dies zeigt auch das heute vorgestellte Buch. Brandts Engagement für die deutsch-norwegischen, aber – und auch das zeigt das Buch – ebenso für die europäisch-norwegischen Beziehungen ist nicht zu unterschätzen. Seine tiefen demokratischen und europäischen Überzeugen, welche er um der Sache Willen auch bewusst über parteipolitische Interessen stellte, und genauso seine persönliche Verbundenheit mit Norwegen führten zu einem besonderen Einsatz für eine stärkere europäische Einbindung Norwegens. Grundlage hierfür konnte aber nur eine Wiederannäherung nach der deutsch-norwegischen Kriegs- erfahrung und Brandts Streben nach Verständigung und Versöhnung zwischen den Völkern sein. Dass sich Deutschland für Norwegen zu einem Tor zu Europa entwickeln konnte, ist – auch das zeigt das Buch – in hohem Maße Willy Brandt geschuldet.

 

Wenn wir uns die Situation heute anschauen, so hat sich Norwegen auch viele Jahre später noch nicht entscheiden können, den Weg hinein in die Europäische Union vollständig zu beschreiten. Dass dies nicht nur von deutscher Seite bedauert wird und auch in der im Buch behandelten Zeit bedauert wurde, ist bekannt. Überaus interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Teil des Buches, in dem es beim Ringen um Mehrheiten in den handelnden Parteien und in der Gesellschaft Europas darum ging, welches Bild man von einem künftigen Europa hat. Zunächst Ablehnung in Norwegen dort, wo der Gegensatz zwischen dem sog. „laissez-faire Kapitalismus“ und dem mehr auf soziale Gerechtigkeit und staatliche Fürsorge ausgerichtetem skandinavischen Modell gesehen wurde. Vom letzteren erhoffte sich Willy Brandt gar „wertvolle demokratische und moralische „Kalorien“, wie er es 1970 vor dem Storting formulierte.

 

Später dann erkannte die Führung der norwegischen Arbeiterpartei aber auch Potentiale, die zu einer Umwandlung der Gemeinschaft in ein sozialeres Europa beitragen könnten. In einem Regierungsbericht wird gar 1971 das Versprechen zur politischen Zusammenarbeit der Arbeiterbewegungen über Ländergrenzen abgegeben, damit Europa durch sozialistische Grundsätze geprägt wird, wie es dort heißt. Einer derartig einseitigen ideologischen Ausrichtung erteilte   Willy Brandt jedoch eine Absage als er bei einer sehr die Aufmerksamkeit erregenden Ansprache 1972 in Oslo formulierte: „Man weiß, dass ich Sozialdemokrat bin, auch und gerade als solcher war und bin ich für Europa. Aber ich bin nicht dafür, dass die Gemeinschaft ideologisch eingepfercht oder aufgespaltet wird. Sie muss der gemeinsame Rahmen sein, innerhalb dessen alle lebendigen Kräfte der der europäischen Demokratie zur Entfaltung kommen.“

 

Das war die Sichtweise von Willy Brandt. Und genauso eindrucksvoll beschreibt Dr. Allers in seinem Buch das Geflecht der politischen und ökonomischen, aber auch die durch die Bürokratien und deren Handelnde sowie die durch politische Persönlichkeiten bestimmten Rahmenbedingungen. Das Buch über die „Besonderen Beziehungen“ bietet uns dabei einen Einblick und Erklärungs- ansätze, warum sich die norwegisch-europäische und die norwegisch-deutsche Beziehung in dieser Weise gestalteten und bis heute gestalten.

 

Der abschließende Teil des Buches, der auch einen kurzen Abriss über die vergangenen Jahre der deutsch-norwegischen Beziehungen und einen ersten Ausblick für die Zukunft bietet, zeigt gleichzeitig die enge Verbundenheit zwischen unseren Ländern und die engen Beziehungen im europäischen Kontext. Insbesondere für Menschen, die aktiv an den deutsch-norwegischen Beziehungen arbeiten und deren Entwicklung – auch mit Blick auf die EU – vorantreiben, wird das Buch wichtige und aufschlussreiche Lektüre sein. Einen Einstieg dazu bietet der heutige Abend, für den ich uns allen gutes Gelingen wünsche!