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„Verzahnte Ausbildung – ein weiterer wichtiger Baustein zur Förderung der Ausbildung behinderter Jugendlicher“, Essen

Rede von Franz Thönnes, MdB und Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Arbeit und Soziales, anlässlich der Fachtagung „Ver- zahnte Ausbildung mit Berufsbildungswerken - VAmB“ mit dem Titel „Ver- zahnte Ausbildung – ein weiterer wichtiger Baustein zur Förderung der Aus- bildung behinderter Jugendlicher“, am 10. Februar 2009 in Essen.

 

Sehr geehrter Herr Haska, sehr geehrter Herr Prof. Dr. Seyd, sehr geehrte Frau Dr. Seel, sehr geehrter Herr Dr. Pfister, meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

ich bin gerne heute zu der Fachtagung "Verzahnte Ausbildung mit Berufs- bildungswerken" nach Essen gekommen und möchte zunächst der Universität Hamburg und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke ein recht herzliches Dankeschön für die Ausrichtung dieser Tagung sagen. Dieser Dank gilt natürlich auch dem Hausherrn, dem Kolping-Berufsbildungswerk Essen.

 

Wie Sie schon gehört haben, verzahnen mich sozusagen der heutige Tag und die Anwesenheit hier mit meiner Heimat. Wenn ich die Zeche sehe, denke ich an meine beiden Großväter, die in dieser eingefahren sind. Als ich hierher gefahren bin, ist mir noch einmal bewusst geworden, dass ich hier ganz in der Nähe direkt an der B 1, wie diese damals noch hieß, gewohnt habe. Wie Sie merken, ist der Verkehr bei mir ohne Spätfolgen geblieben. Hier vorne, 800 Meter weiter um die Ecke, ist der Fußballplatz von Kray 04. Als rechter Verteidiger habe ich da so manches Tor verhindert und so manches auch geschossen, aber auf der richtigen Seite.

 

Ungefähr zwei Kilometer von hier habe ich meine Berufsausbildung bei den chemischen Werken der Theodor Goldschmidt AG absolviert und dort Industrie- kaufmann gelernt. Auch damals hatte die betriebliche Ausbildung bereits einen besonderen Stellenwert. Nach zweieinhalb oder drei Jahren, wenn die Frage der Übernahme anstand, hatten die, die im Betrieb gelernt haben, eine bessere Startposition. Die kennen den Laden, wie man das so salopp sagt. Sie waren auch bei den Ausbildern und den Führungskräften bekannt. Daher fällt die Personalauswahl dann einfach leichter. Da weiß man, wen man vor sich hat, was der kann und was der nicht kann, wofür er geeignet ist oder nicht und dann ist der Übergang in eine Beschäftigung nachher auch viel leichter.

 

Ich glaube daher, der Start des Modellversuchs zur verzahnten Ausbildung vor fünf Jahren ist ein sehr vielversprechender Ansatz gewesen, der sich mitt- lerweile mit wissenschaftlichen Ergebnissen in seiner Ausführung und in seinem Erfolg untermauern und beweisen lässt.

 

Ich freue mich sehr, dass das Kolping-Berufsbildungswerk von Anfang an mit dabei war, Bereitschaft zur Innovation gezeigt hat, und dass Jugendliche aus diesem Haus erfolgreich bei der verzahnten Ausbildung mitgemacht haben. In Ihrer Tagungsmappe finden Sie eine DVD mit zwei guten Beispielen dieser Jugendlichen, und Sie werden nachher im Rahmen des Veranstaltungs- programms weitere Beispiele kennenlernen.

 

Mich fasziniert dabei immer, wie junge Menschen sich in ihrer Situation beschreiben und begeistert bei der Sache sind, dies als eine persönliche Bereicherung begreifen und auch gestählt sind, erwachsen geworden sind, jemand geworden sind, der mit anderen gemeinsam das Tageswerk schafft, manchmal Niederlagen erleidet aber auch Erfolge hat und am nächsten Tag wieder in den Betrieb geht, kurzum „mit dabei ist“, oder wie Herr Prof. Seyd es gesagt hat, „Teil hat an dem Gemeinsamen“.

 

Als Mitte 2004 die Initiative „Jobs ohne Barrieren“ startete, war die Bezeichnung „Modellversuch“ für die verzahnte Ausbildung vielleicht etwas hochgestapelt. Wir hatten am Anfang eher so etwas wie eine „Good-Will-Deklaration“. Aber, man macht ja manchmal das Kind schöner, wenn man’s verkaufen will, will etwas zeigen, will werben für das Ziel der Förderung der Ausbildung behinderter Jugendlicher in der Öffentlichkeit. Das gemeinsame Ziel damals war, behinderten Jugendlichen aus Berufsbildungswerken die Möglichkeit zu geben, Teile der Ausbildung nicht nur in den Einrichtungen, sondern auch in Unternehmens- bereichen der METRO Group durchzuführen. Und wie so oft im Leben: Aller Anfang ist schwer.

 

Viele Fragen tauchten auf. Fragen, die von den Beteiligten der METRO Group, dem Ministerium, der Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke zu beantworten waren. Fragen, die auch in die Richtung gingen: Was mutet man den jungen Menschen zu, wenn man sie in diese neue Situation bringt mit diesem Experiment, das es vielleicht am Anfang für alle Beteiligten war. Fragen wie: Können wir eigentlich nachweisen, dass die verzahnte Ausbildung wirklich einer rein internen Ausbildung in einem Berufsbildungswerk überlegen ist? Wie kommen die behinderten Jugendlichen in die Unternehmen, wie kommen sie wieder zurück, was heißt überhaupt „Teile der Ausbildung“, wie definiert man das, wie kann man die Betreuung der behinderten Jugendlichen vor Ort sicherstellen, wie sieht das mit der Zusammenarbeit der Ausbilderinnen und der Ausbilder aus?

 

Man könnte noch viele weitere Fragen aus der Realität mit anfügen, die damals und immer dann auftauchten, wenn gerade eine Frage beantwort wurde. Es wäre insofern auch nicht verwunderlich gewesen, wenn sich bei diesen vielen Fragen auch so manches Unternehmen wieder zurückgezogen und gesagt hätte, warten wir mal ab, was für Erfahrungen die anderen da machen. Auch dies wäre etwas Normales im Prozess gewesen.

 

Umso schöner ist es, dass die METRO Group dabei geblieben ist. Deswegen mein ausdrücklicher Dank an Sie,  Herr Dr. Pfister. Man braucht auch immer Motoren bei der Sache. Man braucht auch immer Unterstützer dabei und wir wissen, dass wir da auf Sie zählen können. Auch auf Sie, Herr Bruns, der anfangs mit dabei war und auf die vielen anderen, die wirklich den festen Willen und ich sage die treibende Kraft hatten, das zu einem Erfolg zu bringen. Dafür gebührt allen ein klares und deutliches Dankeschön.

 

Kurze Zeit nach Start des Modellversuchs wurde allerdings auch klar, da sitzen alle Akteure am Tisch, aber man braucht einen Dritten, wenn man auch den Beweis führen will, mit anderen Worten eine wissenschaftliche Begleitung und externe Experten. Aber es ging nicht nur um die reine wissenschaftliche Beobachtung, sondern auch darum, Steuerung und Gestaltung in dem Modellversuch zu verankern. Da wurden Menschen gebraucht, die sich damit auskennen, die damit Erfahrung haben. Mit Herrn Prof. Seyd und seinem Team wurde jemand gefunden, der Erfahrung hat, der weiß wie das funktioniert, der gute Koordinierungsarbeit geleistet hat und ein verlässlicher Partner in diesem Vorhaben geworden ist. Herr Dr. Pfister hat ja schon alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Universität in seinem Dank mit einbezogen. Ich kann mich dem nur anschließen.

 

Beim damaligen Modellversuch, wie auch beim jetzigen, muss man sagen, die, die dabei gewesen sind, ließen sich nicht durch Schwierigkeiten abschrecken. Ich glaube sogar, dass sie mit jeder Schwierigkeit mutiger geworden sind, dass sie gesagt haben, das packen wir auch noch, wir wollen jetzt wissen wie das geht. Es wurde immer wieder neu nach konstruktiven Möglichkeiten gesucht, wie die aufgetretenen Herausforderungen überwunden und  gute Lösungen gefunden werden können. Das ist in den allermeisten Fällen auch deshalb in den zahlreichen Beraterkreisen, Gremien und Beiräten der Modellversuche gelungen, weil nicht nur das Fachliche zählte und die Überzeugungskraft der Argumente, sondern weil auch ungeachtet irgendwelcher Hierarchien oder persönlichen Rangordnungen oder des Status versucht wurde, zu organisieren.

 

Die Ergebnisse, die uns bis jetzt vorliegen, beweisen uns, dass die Vorteile der verzahnten Berufsausbildung gegenüber einer internen Ausbildung in einem Berufsbildungswerk überwiegen: Erstens, es konnten nicht nur deutlich mehr verzahnt als intern Ausgebildete in direkte konkrete Beschäftigung gebracht werden. Zweitens, die Quote der ausbildungsadäquat Beschäftigten war bei den verzahnt Ausgebildeten deutlich höher als bei den intern Ausgebildeten und drittens wurden auch erste wichtige Standards  - ich glaube, das ist ganz wichtig für alle, die jetzt weitermachen - für die verzahnte Berufsausbildung entwickelt.

 

Im jetzigen Modellversuch ging es gar nicht mehr vorrangig um die Frage, ob die verzahnte Ausbildung Vorteile für behinderte Jugendliche bringt, dies hatte bereits der erste Modellversuch erwiesen. Sondern, es ging jetzt darum, die verzahnte Ausbildung weiter und in die Fläche zu bringen. Konkret sollten also mehr Jugendliche in die verzahnte Berufsausbildung integriert werden. Wir wollten mehr Arten der Behinderung mit dabei haben, mehr Berufsbildungs- werke, mehr Berufsbereiche und mehr Unternehmen. All das waren Aufgaben des zweiten Teils und wir haben vorhin die eindrucksvollen Zahlen gehört. Auch diese Kraftanstrengung hat sich gelohnt. Ich will an dieser Stelle nicht die bisherigen Ergebnisse im Einzelnen darstellen, sondern sagen: Im Kern haben sich die Ziele ausnahmslos erfüllt.

 

Trotzdem muss natürlich auch gesagt werden, dass auch wenn die wissenschaftliche Begleitung der Betreuung jetzt abgeschlossen wird, das dann noch lange nicht heißt, dass wir zufrieden und der Auffassung sind, nun sei die verzahnte Berufsausbildung flächendeckend in Deutschland eingeführt. Wenn 32 von 52 Berufsbildungswerken dabei sind, heißt das durchaus, dass noch einige eingeladen sind dazuzukommen, mitzumachen und auch ihren Jugendlichen diese Vorteile zugute kommen zu lassen.

 

Und wenn wir bisher über 200 Jugendliche in der verzahnten Ausbildung haben, dann heißt es auch, diese Zahl ist ausbaufähig. Ich will das nur an folgenden Fakten festmachen: Jährlich beginnen rund 5.000 Jugendliche in Berufs- bildungswerken ihre Ausbildung, mindestens 20 Prozent bringen davon, nach den Erfahrungen die gemacht worden sind, die Fähigkeit mit, in einer ver- zahnten Ausbildung ausgebildet zu werden. Das ergibt eine Größenordnung von 1.000 behinderten Jugendlichen, die eigentlich verzahnt ausgebildet werden können und das bedeutet natürlich aufgrund der unterschiedlichen Berufs- wünsche, die da sind, die Einbeziehung weiterer Berufsfelder in die verzahnte Ausbildung und damit auch die Notwendigkeit, weitere Unternehmen zu finden, die sich an der verzahnten Ausbildung beteiligen.

 

Wichtig ist, dass die Berufsbildungswerke immer wieder den engen Draht und den Kontakt zu den Betrieben halten und sehen, wie die Wirtschaft sich dort entwickelt, um die Entwicklungen mit in ihre Ausbildung einzubeziehen. Daraus entsteht dann eine gute Basis, verzahnt ausbilden zu können. Sie merken also schon worauf ich hinaus will: Wir wollen auch von unserer Seite daran arbeiten - in Veranstaltungen wie diesen als auch bei anderen Gelegenheiten und weiterhin im Rahmen der Initiative „Jobs ohne Barrieren“ -, dass sich mehr Unternehmen beteiligen und wir hoffen dann eben auch, dass bei den Berufsbildungswerken, die noch nicht dabei sind, die Idee der verzahnten Berufsausbildung an Kraft gewinnt und Offenheit dafür da ist, mit den Betrieben zusammen zu arbeiten. Ich freue mich, dass die Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke nicht nur dazu gewillt ist, sondern auch bereits Voraussetzungen dafür geschaffen hat.

 

Die verzahnte Berufsausbildung ist im Kern ein Lückenschluss, weil sie deutlich macht, dass es zwischen der reinen betrieblichen Ausbildung und der reinen Ausbildung in den Berufsbildungswerken etwas gibt, das Jugendlichen bessere Chancen vermittelt und für ihr späteres Leben eröffnet und ich glaube, wenn man ein bisschen ehrlich ist, dass die Zusammenarbeit zwischen den Berufsbildungswerken, den kompetenten Ausbilderinnen und Ausbildern dort sowie den Führungskräften in den Unternehmen auch beiden gut tut.

 

Es tut gut auf beiden Seiten, weil jeder seine unterschiedlichen Erfahrungen hat. Ich will gar nicht verhehlen, dass Herr Clever, den ich auch als Vertreter der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände hier sehr begrüße, und ich schon relativ häufig darüber diskutiert haben. Manchmal ist es, wie das auch bei Ihnen anklang, Frau Dr. Seel, keine Frage des Geldes oder der Förderung. Manchmal muss man schlichtweg sagen, jemand, der groß geworden ist ohne in der Schule oder im Berufsalltag mit Menschen mit Behinderung zusammen- gekommen zu sein, der hat vielleicht ungewollt in sich selbst auch eine Barriere und auch Ängste und auch Hemmungen, mit Menschen mit Behinderung im Alltag umzugehen. Und diese Barrieren und Ängste können durch solche Prozesse und Kooperationen abgebaut werden, da kann man helfen und das dient, meine ich, unserer gesamten Gesellschaft.

 

Im letzten Ausbildungsjahr suchten über 25.000 behinderte junge Menschen einen Ausbildungsplatz. Viele von ihnen können dabei ganz ohne große Hilfestellungen eine ganz normale betriebliche Berufsausbildung in einem Unternehmen beginnen. Eben dann, wenn es eine Aufgeschlossenheit in dem Unternehmen gibt. Wenn die Arme offen sind und wenn man bereit ist, diesen jungen Menschen eine gute Zukunftsgrundlage zu geben.

 

Dann gibt es aber auch die Situation, dass manche Arbeitgeber sagen: „Ja, wir würden ja gerne, aber wir finden keinen, wir kriegen von der Arbeitsagentur keine Angebote“. Deshalb will ich auf ein weiteres Unternehmen, das unsere Initiative unterstützt, kurz eingehen, und zwar die E.ON AG. Da gab es am Anfang auch viele Fragestellungen. Macht man bei der Initiative mit, macht man nicht mit. Aber nachdem der Prozess des Abwägens abgeschlossen war und eine gute Kooperation unter allen Beteiligten organisiert wurde, entstand sogar eine eigene Unternehmensinitiative daraus, die sich „Gleiche Chancen für alle“ nennt und die nicht nur zu einer Verdreifachung der Ausbildung behinderter Jugendlicher geführt hat, sondern auch zu einer Änderung der Auswahlkriterien im Unternehmen. Da sieht man, wie sich aus einem solchen Prozess auch eine Unternehmenskultur zum Vorteil der jungen Menschen verändern kann, aber auch zum Vorteil des Unternehmens. So lädt die E.ON AG behinderte Jugendliche zu Vorstellungsgesprächen ein, die früher gar nicht die Chance gehabt hätten, sich zu präsentieren und darzustellen, über welche Potenziale und Interessen sie verfügen.

 

Wenn behinderten Jugendlichen aufgrund der Behinderungsart oder Schwere eine betriebliche Vollausbildung in einem Unternehmen nicht möglich ist, gilt es zu prüfen, ob diese eine so genannte Helferausbildung nach dem Berufs- bildungsgesetz in einem ganz normalen Unternehmen durchführen können. Hier appelliere ich ausdrücklich nicht nur an die Unternehmen, sondern wie Herr Clever weiß, auch an die Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften sowie Kammern, gemeinsam mit uns in einen konstruktiven Dialog einzutreten und zu versuchen, mehr Ausbildungsplätze und mehr Möglichkeiten zu schaffen; denn nur wenn die betriebliche Helferausbildung trotz aller Hilfestellung ausscheidet, kann eine Ausbildung, sei es als Voll- oder als Helferausbildung in einem Berufsbildungswerk in Betracht kommen. Das heißt, unser eigentliches Augenmerk muss immer zunächst darauf gerichtet sein, dass die jungen Menschen eine Ausbildung im ersten Arbeitsmarkt haben und dass sie auch im ersten Arbeitsmarkt eine Beschäftigung bekommen und da glaube ich, ist die verzahnte Ausbildung für die behinderten Jugendlichen eine gute Perspektive.

 

Die behinderten Jugendlichen, die die verzahnte Ausbildung aufgrund ihrer Voraussetzung leider nicht erfüllen können, werden und sollen selbst- verständlich auch wie bisher in den Berufsbildungswerken ausgebildet werden. Das heißt aber auch, und so machen das ja auch fast alle Berufsbildungswerke in unterschiedlicher Ausbreitung, mit einem guten Draht in die Betriebe hinein mit Praktika, mit Phasen der Mitarbeit in den Unternehmen, mit guten Kooperationen. Ich freue mich deshalb auch sehr, dass Siemens als großes Unternehmen hier unsere Initiative seit Jahren mit entsprechenden guten Beispielen, wie durch Austauschprogramme zwischen Berufsbildungswerken und Siemens Unternehmen, unterstützt.

 

Ich glaube, dass sich auch den intern ausgebildeten behinderten Jugendlichen durch die Einführung der verzahnten Ausbildung mittelfristig neue Chancen auf dem allgemeinen Beschäftigungsmarkt bieten können. Auf der einen Seite wächst durch die verzahnte Ausbildung in den Betrieben die Kenntnis über die Ausbildungsleistung der Berufsbildungswerke, auf der anderen Seite erhalten die Ausbilder in den Berufsbildungswerken ein ständiges Feedback über die Anforderung aus den Betrieben.

 

Ich begreife das, was von allen Beteiligten in den Modellversuchen geleistet worden ist, auch ein Stückweit als ein Vorgriff auf das, was wir im Deutschen Bundestag Ende des vergangenen Jahres entschieden haben, nämlich die VN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung anzuerkennen. Sie wird in diesem Monat den Vereinten Nationen von deutscher Seite übergeben.

 

Die Modellversuche sind ein Stück Umsetzung der Philosophie, die wir in der Konvention finden, wenn dort von der gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Behinderung am gesellschaftlichen Leben gesprochen wird.  Der Berufsalltag ist eine ganz zentrale Frage der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Es ist wichtig, da zu sein, wo die Werte geschaffen werden, wo Dienstleistungen angeboten werden, gemeinsam Erfolge zu haben, sich beweisen zu können, sein eigenes Geld zu verdienen - was einem eine gewisse Unabhängigkeit in anderen Bereichen der Gesellschaft gibt - , abends mit Freundinnen und Freunden über das Tageswerk und darüber zu sprechen, was man geleistet hat, Karrierevorstellungen zu entwickeln. Kurzum, mitten dabei zu sein.

 

Das ist ein zentrales Element der Konvention und deswegen sind die Modellversuche genauso ein Vorgriff auf die seit Jahresbeginn eingeführte unterstützte Beschäftigung, die die Absicht hat, jungen Menschen, die nach ihrer Schulzeit vielleicht doch manchmal zu schnell in die Werkstatt für Menschen mit Behinderung gekommen sind, die Chance zu geben, mit konkreter längerer Betreuung und einem Coaching mit der Feststellung „was kannst du, was bist du, was willst du“ und nach dem Prinzip „erst platzieren, dann qualifizieren“ einen Arbeitsplatz im ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln.

 

Im Betrieb gilt es dann zu schauen, was dort an Qualifikationsmodulen vermittelt werden kann, damit auch dieser junge Mensch einen dauerhaften Platz im ersten Beschäftgungssystem findet. Die VN-Behindertenkonvention und auch die Modellversuche, die wir hier gemacht haben, haben uns davon überzeugt, dass dies eine gute Gelegenheit ist, jungen Menschen den Übergang von der Schule in den ersten Arbeitsmarkt besser zu ermöglichen als das in der Vergangenheit der Fall war und eben nicht - was ein gutes Element ist und auch weiterhin bleiben wird -  automatisch den Zugang in die Werkstatt für Menschen mit Behinderung zu organisieren. Aber selbst, wenn alle diese Möglichkeiten ausscheiden, haben wir in unserer Gesellschaft immer noch als weitere Möglichkeit die Beschäftigung in der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen.

 

Meine Damen und Herren, dieses sinnvolle System darf aber weder als undurchlässig noch als Einbahnstraße verstanden werden. So haben sich in den Modellversuchen zur verzahnten Berufsausbildung interessante Fälle in beide Richtungen ergeben, es gab behinderte Jugendliche, bei denen trotz positiver Bewertung am Anfang irgendwann klar wurde, das ist doch nicht das richtige mit der verzahnten Ausbildung. Die Anforderungen waren vielleicht zu hoch. Da muss dann geregelt werden, dass die Ausbildung im Berufsbildungswerk reibungslos als interne Ausbildung fortgesetzt werden kann. Aber es gibt eben auch verzahnt ausgebildete Jugendliche, bei denen sich genau das entwickelt, was man mit der Verzahnung erhofft hat: Sie sind im Betrieb, sie wachsen mit den Anforderungen, die Ausbilder merken, sie können was. Die Ausbilder fragen sich, wieso sind sie eigentlich vorher ins Berufsbildungswerk gekommen, vergleicht sie mit  seinen  bereits vorhandenen Auszubildenden  und sagt, diese nehme ich noch dazu. Und so entsteht  der Übergang in eine ganz normale betriebliche Berufsausbildung.

 

Ich glaube, dass beide Konstellationen deutlich machen: Es gibt nicht nur schwarz und weiß, es gibt auch eine ganze Menge grau, hellgrau und dunkelgrau. Dies ist auch, glaube ich, eine Sichtweise, die es uns ermöglicht, immer offen an Dinge heranzugehen, etwas Neues auszuprobieren und Erfahrungen dabei zu machen. Um diese Durchlässigkeit zu ermöglichen, ist es aber natürlich auch unbedingt notwendig, die Systeme aneinander anzugleichen, Übergänge nicht nur theoretisch, sondern auch faktisch jedem behinderten Jugendlichen zu ermöglichen. Dazu ist es erforderlich, dass sich alle Beteiligten stärker vernetzen als bisher.

 

Deutschland ist ein Land, welches seine Wirtschaftskraft nicht dadurch gewonnen hat, dass es einmal eine gute Leistung hingelegt und gesagt hat, das war’s dann, sondern wir müssen immer wieder darüber nachdenken, war das richtig, was können wir verbessern, wie können wir das optimieren und das gilt auch für diesen Teil. „Jetzt“ ist das Wort, das die jetzige Situation prägt. „Jetzt“ muss man alleine laufen, aber kann natürlich auch auf den guten Erfahrungen der Vergangenheit aufbauen. „Jetzt“ geht es darum, das ganze in die Praxis umzusetzen und anderen zu helfen, sich in diesen großen Geleitzug, der bereits existiert, einzureihen und, wie ich gesagt habe, das auch mehr Jugendlichen anzubieten.

 

Das alles, was wir jetzt heute hier bereden und diskutieren, ist natürlich von einem großen Rahmen umgeben und den will ich am Ende dann auch nicht auslassen und auch noch einmal aus Sicht der Bundesregierung beschreiben: Wir befinden uns im Moment in einer Phase, die einigen nicht so gut erscheinen mag für das, was wir heute hier besprechen. Weil wir derzeit an anderer Stelle angesichts wieder steigender Arbeitslosenzahlen darum kämpfen, die Menschen in Arbeit zu halten und alle eigentlich wissen, dass das eine ganz zentrale Aufgabe ist. Und jetzt kommen wir noch und sagen, „ihr müsst noch mehr ausbilden, ihr müsst noch mehr verzahnen, müsst noch mehr junge Leute einstellen“.

 

Ich will das begründen: Ich glaube, dass sich die Bundesrepublik zur Zeit in der Tat in einer der schwierigsten ökonomischen Phasen befindet. Aber wir stehen nicht alleine da, andere betrifft es auch. Die gesamte Weltwirtschaft muss schauen, wie sie jetzt durch dieses Tal kommt. Deutlich wird auch, dass keine Regierung alleine in der Lage ist, die Herausforderungen zu bewerkstelligen. Deswegen ist der Versuch gut, verzahnt auf europäischer und weltweiter Ebene zu arbeiten, so schwierig das auch ist.

 

Ich glaube, dass die Bundesregierung mit ihren beiden Konjunkturprogrammen im Gesamtvolumen von 80 Mrd. Euro eine große Kraftanstrengung unternommen hat, durchgängig mit dem ganz zentralen Ziel, nicht irgendwelche Gießkannensozialförderprogramme zu produzieren, sondern Arbeit zu erhalten, Beschäftigung zu sichern, angefangen bei den kommunalen-, Landes– und Bundesinvestitionsvorhaben bis hin zu der Regelung, die es am deutlichsten ausdrückt, nämlich die über die Zahlung des Kurzarbeitergeldes. Dieses auch über 18 Monate mit dem innovativen Ansatz bezahlen zu können, dass die Betroffenen nicht zu Hause pausieren müssen, sondern die Zeit nutzen zu können, sich zu qualifizieren; dies ist der Ansatz zur Behandlung der Krise: Nämlich, nicht zu sagen, jetzt sitzen wir das mal aus und gucken mal wie die Arbeitslosigkeit steigt, sondern, wir wollen Arbeitslosigkeit verhindern und uns gut aufstellen für die Zeit die danach kommt. Wann das sein wird, weiß keiner so genau. Alle hoffen, dass sie nicht so lange dauert. Die Schwarzmaler und Pessimisten brauchen wir dabei nicht. Schönfärber auch nicht. Und die, die sagen, sie wüssten schon, wie das alles wird, die können sich gerne mit der Kristallkugel auf den Marktplatz in Essen hinsetzen und die Zukunft voraussagen. Wenn sie erfolgreich wären, könnten sie damit viel Geld verdienen. Ich glaube nicht, dass sie das tun werden.

 

Was man jetzt braucht ist, wie bei den Modellversuchen, Mut und Zuversicht und das innere Wissen, dass man das schaffen will und auch schaffen kann und dann gibt es einen Punkt, der uns dazu veranlassen muss, den Satz, den Herr Dr. Pfister gebraucht hat, noch einmal zu untermauern: Es werden in 20 Jahren - und das ist nicht lange hin, wenn wir zurückdenken ist vor 20 Jahren die Mauer gefallen - in Deutschland 5,7 Millionen Menschen mehr über 65 Jahre sein. Und sehen Sie es mir bitte nach, viele sitzen im Saal und hoffen wie ich, dass wir dabei sind. Auf der anderen Seite werden wir aber 6,7 Millionen Menschen weniger in der Alterskategorie zwischen 14 und 64 Jahre haben und das zeigt die große Herausforderung, vor der Deutschland steht. Denn, wenn die Menschen immer länger leben und älter werden, was ja schön ist, aber immer weniger Junge nachkommen, dann kann das für eine vorausschauende Politik in Berlin, in den Ländern, in den Unternehmen, in der Gesellschaft nur heißen, dass wir uns auf die Jungen konzentrieren müssen und dabei keinen zurück lassen dürfen. Wir müssen uns um jeden Einzelnen kümmern.

 

Wir müssen die Potenziale, die da sind, bei allen jungen Menschen hegen und pflegen und das ist auch ein Appell an die Wirtschaft. 8 Prozent der jungen Menschen verlassen die Hauptschulen heute in Deutschland ohne Abschluss. 40 Prozent der jungen Menschen mit  Zuwanderungsgeschichte haben keine abgeschlossene Berufsausbildung, 80 Prozent der jungen Menschen die aus Förderschulen kommen, haben keinen Hauptschulabschluss. Da dürfen wir nicht sagen, ja das ist halt so und die bleiben dann da oder da oder wir haben hier eine Maßnahme und da eine Maßnahme. Nein, wir müssen ran und müssen versuchen, die Potenziale zu hegen und daran zu arbeiten, dass sie in der Lage sind in 10, 15, 20 Jahren mit dabei zu sein, Werte zu schaffen, damit wir unser Wohlstandsniveau in Deutschland aufrecht erhalten können.

 

In einem Jahr gehen aufgrund der demografischen Entwicklung schon mehr Menschen aus dem Arbeitsmarkt raus als hinein kommen werden. Wir sind heute schon nicht mehr in der Lage, die Akademikerjahrgänge, die in Rente gehen, mit neuen Jahrgängen voll aufzufrischen. Und das in einem Land, das eigentlich von Wissenschaft und Forschung lebt und in Zukunft noch stärker darauf angewiesen sein wird, im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Deswegen ist mein Plädoyer so deutlich, auch diese Form der verzahnten Berufsausbildung auszuweiten, mehr Chancen zu geben, die Potenziale, die in den Köpfen der jungen Menschen sind, zu fördern und zu entwickeln.

 

Zu unserer aller Wohl und an der Stelle glaube ich, macht das Zeichen im Logo des Modellversuchs mit seinem „m“ noch mal ganz deutlich: Das „m“ steht auch für mehr und das „m“ steht auch für menschlich. Deswegen finde ich die Integration der Hände in das Logo des Modellversuchs so gut. Damit ist einerseits klar, dass in der Technik die Zahnräder ineinander greifen müssen, aber andererseits zeigen die Hände, dass Menschen gemeinsam was bewegen können und wenn Hände ineinander greifen, dann lassen sich sogar manchmal unvorstellbare Dinge bewerkstelligen. Deswegen ist das ein guter Ausdruck für die Kooperation und deswegen wünsche ich mir eigentlich, dass wir hinter „verzahnte Berufsausbildung“ etwas menschliches anhängen und sagen „Hand in Hand“.

 

„Hand in Hand“ soll das klappen und kann das gelingen und das wünsche ich Ihnen heute für Ihre Fachtagung auch. Tragen Sie die Botschaft nach draußen. Werden Sie mit zu Werbern für eine Berufsausbildung. „Hand in Hand“ im Interesse der jungen Menschen unseres Landes.

 
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!